Südamerika 29.05.2018

Abenteuerreise auf den großen Fernstraßen Südamerikas

3.000 km von Santiago zur Carretera Austral & über die Ruta 40 nach Patagonien

Im eher herbstlichen Winterwetter Deutschlands startete ich. Mein Ziel: Santiago de Chile. Am nächsten Morgen in der chilenischen Hauptstadt angekommen, empfingen mich fast 30°C und Sonne satt - eine Wohltat nach dem doch eher tristen Winterwetter in der Heimat! Santiago erscheint als übersichtliche und geordnete Stadt - zumindest bleibt der Eindruck des typischen südamerikanischen Chaos etwas mehr aus, als in anderen Städten der Region. Zahlreiche Parks und Grünflächen verteilen sich über das Stadtgebiet, das von einem guten Metro-System durchzogen wird. Dadurch ist der Wechsel von der historischen Altstadt zu den Wolkenkratzern im modernen Teil Santiagos ein leichtes. Wer mehr Natur sucht, kann sich einen Überblick bei einer Wanderung auf den Hausberg, den Cerro San Cristobal, verschaffen. Der San Cristobal ist 880 m hoch und thront im Nordosten über der Stadt. Es gibt verschiedene ausgeschilderte Wander- und auch Radwege, die auf und um den Berg herum führen. Möchte man nicht wandern, gibt es natürlich auch eine Seilbahn. Oben angelangt, erhält man einen wundervollen Ausblick über die Stadt und ihre Umgebung. Auch kulinarisch hat Santiago einiges zu bieten. Neben hervorragenden Fischrestaurants, gibt es auch verschiedene vegetarische und vegane Lokale, aber auch eine der wohl besten Eisdielen der Welt! Ein sehr lohnenswerter Abstecher in der Hauptstadtregion führt nach Valparaiso an der Pazifikküste. Neben dem schönen historischen Stadtzentrum um das Hafenviertel (UNESCO - Weltkulturerbe), sind es besonders die bunten Farben der Häuser und vor allem der zahlreichen Wandgemälde, die das Stadtbild unglaublich bereichern. Bunte Treppen und altehrwürdige Standseilbahnen, die sogenannten „Ascensores“ (Fahrstühle) verbinden die zahlreichen Hügel der Stadt. Dazwischen gibt es immer wieder kleine Cafés und Kunsthandwerksmärktchen, wo lokale Künstler ihr Schaffenswerk anbieten. Ein Besuch, der mich in jedem Fall begeistert hat!

Fasziniert verließ ich dann Santiago und fuhr in einem der hervorragenden Nachtbusse in den Süden. Ziel war die Blumenstadt Puerto Varas im Seengebiet. Hübsch schmiegt sich die Stadt an das Südufer des Llanquihue-Sees an dessen Ostseite sich der nahezu perfekte Vulkankegel des Osornos erhebt. Bei einer solchen Aussicht führte uns ein Ausflug natürlich auf den Berg, der im chilenischen Winter auch ein Skigebiet an seinen Flanken beherbergt. Absolutes Postkartenwetter verwöhnte uns und so wußte der Blick gar nicht, an welchem Ausschnitt des gigantischen Panoramas auf die umliegenden schneebedeckten Berggipfeln, tiefblauen Seen und türkisen Flüssen er Halt machen sollte. Letztere lassen sich hervorragend bei zahlreiche Rafting und Kajaktouren entdecken. Mich hat besonders die Kajaktour im Reloncavi-Fjord beeindruckt. Dieser ist nicht nur Chiles nördlichster Fjord, sondern zählt auch weltweit zu den äquatornächsten. Die Stille auf dem Wasser, das leckere Essen bei einer Bäuerin und die atemberaubenden Aussichten waren fantastisch. Ein weiteres Abenteuer, das ich mir aber für später aufheben musste, ist die Querung der Anden per Bus, Schiff (und wie ich gesehen hatte, nun auch teils im Fahrrad) hinüber ins argentinische Bariloche.

Für mich stand dagegen ein anderes nicht weniger abenteuerliches Erlebnis auf dem Programm: entlang der Carretera Austral ging es bis zu den Gletschern Patagoniens. Aufgrund des unwegsamen Geländes war das südliche Chile lange nur von der argentinischen Seite aus erreichbar. Ab den 1970iger Jahren wurde damit begonnen eine Straße durch die Wildnis zu schlagen und die Carretera Austral entstand. Vorbei an zahlreichen Nationalparks schlängelt sich die Straße auch noch heute durch einsame Gegenden und zieht so zahlreiche Abenteuerer an. Gerade auch Chilenen und Argentinier bereisen die vorwiegend schottrige Piste, sei es per Auto, Motorrad oder auch Fahrrad.

Gleich am Anfang stand für uns dann ein erstes Abenteuer: So war aufgrund eines Erdrutsches ein Abschnitt nicht passierbar. Daher begonnen wir unsere Tour nicht wie üblich mit einem, sondern mit gleich zwei Fährtagen, um den Bereich zu umfahren. Trotz der Länge und des notwendigen Sitzfleisches überwiegten die Eindrücke und das Gesehene – schließlich war es eine Fahrt entlang der zerklüfteten chilenischen Küste! Sehr früh ging es jeweils los, um sich rechtzeitig für die Fähren anzustellen. Zum Eingewöhnen gab es eine kurze Fährfahrt über den Reloncavi Fjord. Über diesem ging gerade die Sonne auf und bot uns ein spektakuläres Panorama. Anschließend fuhren wir auf der kurvenreichen Schotterpiste weiter nach Hornopiren, wo wir auf die nächste Fähre lenkten. Diese brachte uns, aufgrund der ruhigen See, sogar direkt bis Caleta Gonzalo. Am nächsten Tag stand dann die Umfahrung an. Da die Carretera Austral die Haupt- und einzige Verkehrsachse im südlichen Chiles ist, gibt es bei Sperrungen nur zwei – jeweils deutlich längere – Ausweichmöglichkeiten: Man fährt über Argentinien oder weicht auf das Meer aus. Für letztere wurde eigens eine behelfsmäßige Fährverbindung eingerichtet, allerdings war zur sicheren Überfahrt gutes Wetter notwendig. Nun sind aber heftige Wetterwechsel für die Region typisch und so legten wir uns nach einem schönen Tag mit bedrohlich tiefhängenden Wolken schlafen. In der Nacht zog dann auch ein heftiger Sturm über uns hinweg und noch beim Aufstehen schüttete es aus allen Eimern. Schließlich ging es gespannt - nun im langsam aufhörenden Regen und mit gedrückten Daumen - noch vorm Morgengrauen zur Fähre. Wird sie fahren? Aber da stand sie hell erleuchtet und nach zwei guten Stunden Wartezeit konnten wir an Bord. Die See war zwar noch etwas aufgewühlt, aber es versprach ein schöner Tag zu werden. Bei herrlichem Sonnenschein erreichten wir dann am späten Nachmittag unseren Zielhafen und kehrten wieder zur Carretera Austral zurück.

Nach den beiden „Sitztagen“ waren wir um etwas Bewegung dankbar und legten am nächsten Tag einen Wandertag zum hängenden Gletscher Ventisquero Colgante ein. Von einfach bis schwierig gibt es verschiedene Wanderwege, die durch den Queulat Nationalpark und zu den verschiedenen Aussichtspunkten führen. Fast schon wie ein Märchenwald mutet die Umgebung mit ihrer dichten und üppigen Vegetation an. So führte die nächste Wanderung in den passenderweise bezeichneten „Bosque Encantado“ (verzauberter Wald) vorbei an moosbedeckten Bäumen, während riesige Farne den Boden bedecken. An sonnigeren Stellen dominiert dagegen der Riesenrhabarber, dessen gigantische Blätter auch als hervorragende Regenschirme dienen könnten. Doch langsam wird nun diese üppige Vegetation auf unserer Weiterfahrt Richtung Süden weniger. Über kurvenreiche, aber asphaltierte Serpertinen ging es weiter, bis wir den Schwanenfluss, den Rio Cisnes erreichten. Hier überquert eine kleine (und rote) „Golden Gate Bridge“ den Fluss, die wir auch einfach mal zu Fuß überquerten, um die herrlich fotogene Landschaft für Erinnerungen einzufangen. Mit Coyhaique, der Hauptstadt der Region Aysén, erreichten wir nun wieder die erste größere Stadt, die uns schon fast wie eine Metropole vorkam.

Eine aussichtsreiche Fahrt erwartete uns auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel, dem riesigen (und größten See Chiles) Lago General Carrera: Mit herrlichem Sonnenwetter im Gepäck, konnten wir die, sonst oft von Wolken verhüllten, schwarzen Bergspitzen des Cerro Castillo entdecken und picknickten an einem herrlichen (und etwas versteckten) Aussichtspunkt hoch über dem Rio Ibanez. Ein traumhaftes Fleckchen, von dem wir gar nicht mehr weg wollten. Die Neugier ließ uns dennoch aufbrechen und schon war das nächste Foto im Kasten. Diesmal war das Motiv die Carretera Austral, wie sie sich auf den Nordarm des Lago General Carrera zu und an diesem vorbei schlängelt. Am See gab es gleich ein nächstes Highlight zu entdecken: So beherbergt dieser Marmorkapellen. Über den Lauf von Jahrmillionen hat der See Marmorfelsen an der Küste umspült und dabei allerlei Formationen aus dem Fels geschnitten. So kann man eine Schildkröte, einen Hundekopf und zahlreiche Höhlen entdecken, in die man teils mit dem Boot hineinfahren oder mit dem Kajak hindurch paddeln kann. Am Ende der Höhlen, die sich am Seeufer verstecken, steht die Marmorkapelle, in der es tatsächlich schon einmal eine Trauung gab.
Nach der Bootstour auf dem erstaunlich ruhigen See, fuhren wir ins Exploradores Tal hinein, wo wir wieder die Wanderschuhe anzogen. Unsere Tour führte uns hinauf zu einem Aussichtspunkt über den Gletscher San Rafael, einem Ausläufer des Nördlichen Patagonischen Eisfeldes (Campo de Hielo Norte). Im Hintergrund ließen sich sogar teils die Bergspitzen des San Valentin / San Clemente ausmachen. Auf dem Rückweg erwartete uns eine kleine Rast und frischgebackener chilenischer Kuchen. Übrigens wird der Kuchen, insbesondere im Gebiet um Puerto Varas, auch wirklich mit dem deutschen Wort „Kuchen“ bezeichnet und ähnelt eher den deutschen Kuchen, als den eher cremig/sahnigen Pastels (spanisch für Kuchen). Dies ist auf die zahlreichen deutschen und Schweizer Einwanderer zurück zu führen, die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts hier niederließen. Mit traumhaften Aussichten auf den General Carrera See verabschiedeten wir uns dann von Chile.
In Chile Chico überquerten wir die Grenze und erreichten in Perito Moreno die nächste große Fernstraße – die argentinische Ruta 40. Wie ein Rückgrat entlang der Anden durchzieht die Ruta 40 Argentinien von Bolivien bis Patagonien. Mit den über 5.000 km, die sie dabei zurücklegt, gilt sie als eine der längsten Fernstraßen der Welt. Anders als ihr chilenisches Pendant ist sie aber in diesem Bereich geteert und so fällt uns noch mehr die Stille und scheinbar grenzenlose Weite der argentinischen Pampa auf. Die uns umgebene Landschaft hat sich dabei komplett verändert und die üppig dichten, grünen Wälder sind einer eher kargen Steppenlandschaft gewichen. Hier wachsen hauptsächlich kleinere Sträucher und Büsche, die den typisch kräftigen patagonischen Winden trotzen. Natürlich gibt es auch Gräser, die hier eher büschelweise wachsen und aussehen als schauen von Abermillionen kleinen Trollfiguren nur die Haarspitzen hervor. Trotzdem ist die Fahrt alles andere als langweilig. Ein ums andere Mal entdecken wir Nandus (die kleineren südamerikanischen Laufvögel, wie die Strauße) und Guanacos (eine Lamaart), die einen Fotostopp auslösten. Bei dem oben genannten Perito Moreno handelt es sich übrigens nicht um den berühmten gleichnamigen Gletscher, sondern um ein verschlafenes Örtchen in den Anden. Perito Moreno war ein berühmter argentinischer Entdecker, den seine Expeditionen vor allem nach Patagonien führten. So sind nach ihm der Ort, ein Nationalpark und eben der berühmte Gletscher benannt.

Weltruf hat aber auch die Region um El Chalten und der nördliche Teil des Los Glaciares Nationalpark (Gletscher Nationalpark), der nun bei uns auf dem Programm stand: Kaum nach dem Abbiegen auf die Straße Richtung El Chalten kam das Fitz Roy Massiv in unseren Blick. Mit dem Torres del Paine Massiv in Chile gilt es als eines der Wahrzeichen Patagoniens. Immer näher rückt das Massiv bis am Fuße das einstige Bergdörfchen El Chalten auftaucht. Einst ein verschlafenes Nest, hat es sich in den letzten Jahren gemausert und wartet mit zahlreichen Geschäften und Lokalen aller Art auf. Man kann selbstgebrautes Bier am Abend trinken, patagonische Leckereien probieren und sich für den nächsten Tag ein veganes Lunchpaket packen lassen. Ein Lunchpaket ist auch fast ein Muss, denn zahlreich sind die Wandermöglichkeiten von El Chalten aus. Wir entschieden uns für die Tour zur Laguna de los Tres, die am Fuße der Felsnadeln des Cerro Torre liegt. In der Kletterszene sind seine glatten Felswände berühmt-berüchtigt, doch so hoch wollten wir gar nicht hinaus. Uns reichte der steile Anstieg bis wir schließlich die milchig-blauen Wasser des Gletschersees erreicht hatten, von dem wir die Aussicht genossen. Mit einem fast einzigartig freien Blick auf seinen namensgebenden Gipfel verabschiedete uns das Fitz Roy Massiv. Entlang des Viedma Sees mit seinem strahlendblauen Gletscher fuhren wir weiter Richtung El Calafate. Hier endete für mich die Reise zu den Naturschönheiten Chiles und Patagoniens. Mit einem Stopp im hochsommerlichen Buenos Aires ging es auch dann wieder zurück in den deutschen Winter. Begrüßt durch Neuschnee, wanderten die Gedanken sehnsüchtig zurück zu den bunten Gemälden, grünen Wäldern, schroffen Bergspitzen und der rostroten Weite der Pampa.

Eure Jenny
Abenteuer-Spezialistin bei moja TRAVEL

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