Elbrus 19.12.2017

Elbrus Besteigung Erfahrungsbericht

Meine Trekkingreise zum Elbrus begann am Dienstag, den 22. August 2017. Von Frankfurt ging es mit der russischen Fluglinie Aeroflot zunächst einmal nach Moskau. Aufgrund der Flugzeiten (Ankunft in Moskau war 02:30 Uhr) durfte ich eine „Nacht“ am Flughafen Sheremetyevo verbringen, ehe es am Mittwochmorgen mit der nächsten Maschine in Richtung Mineralnye Vody, was auf Deutsch so viel heißt wie „Mineralwasser“, weiter. Nach weiteren zweieinhalb Stunden Flug kam ich aufgrund der kurzen Nachtruhe ziemlich gerädert in „Min Vody“, wie die Stadt Umgangssprachlich auch genannt wird, an. Gepäck vom Band holen und raus in die russische Sonne (ca. 27 Grad), wo auch schon der Fahrer meiner Reiseagentur auf mich wartete. Mit im Taxi saßen auch meine zwei Bergpartner: ein irisch-iranisches Paar mit Wohnsitz in Paris. Die beiden machten einen netten Eindruck, der sich im Laufe der Tour auch bestätigen sollte - wir bildeten ein gutes Trio.

Eine gut vierstündige Autofahrt durch die russische Provinz brachte uns dem Berg näher. Bei strömendem Regen erreichten wir den Zielort Cheget. Eine kleine, hauptsächlich aus Cafés und Hotels bestehende Siedlung, die nicht nur aufgrund des Wetters einen eher trostlosen Eindruck hinterließ. Unser Hotel im Talort dagegen war zwar einfach, aber sauber und auch das dortige Essen schmeckte während des gesamten Aufenthalts einwandfrei.

Nach einer angenehmen Nacht lernten wir beim Frühstück am kommenden Morgen unseren Bergführer Roman kennen. Die für den heutigen Tag angesetzte Akklimatisierungstour auf den Gipfel des Cheget’schen Hausbergs fiel aufgrund des russisch-georgischen Grenzkonflikts (Stoppschilder weisen ab einem bestimmten Punkt auf das Verbot zum Weitergehen hin) kurz aus, bot uns aber die Gelegenheit unseren Bergführer näher kennen zu lernen. Roman war ein sehr angenehmer Zeitgenosse - eher ruhig, sehr freundlich, aber ohne Scheu klare Ansagen zu machen, wenn es darauf ankam. Nach der Tour erfolgte der obligatorische Ausrüstungscheck, woraufhin sich jeder von uns dreien im Anschluss noch Ausrüstungsgegenstände (u.a. dicke Handschuhe, Skibrille) auslieh. Was im ersten Augenblick nach Geldmacherei aussah, erwies sich im Nachhinein als goldrichtig. Der Rest des Tages stand uns zur freien Verfügung, wir erkundeten die nähere Umgebung zu Fuß und konnten uns dabei auch ein Bild von den zumindest in diesem Teil des Landes sehr einfachen Verhältnissen machen.

Am nächsten Tag ging es erstmals Richtung „Endziel“ unserer Reise: den Elbrus. Bei herrlichen Bedingungen (strahlende Sonne bei wolkenlosem Himmel) fuhren wir zunächst per Taxi zur Seilbahn, die uns anschließend bis auf knapp 3.650m brachte. Daraufhin stiegen wir per Fuß weiter zum Basislager auf 3.850m. Der Weg war nicht besonders steil und gut begehbar. Im Lager angekommen verstauten wir einen Teil unserer Ausrüstung in einem der Blechcontainer und zogen unsere Steigeisen an. Für den heutigen Freitag stand eine Akklimatisierungstour bis auf ca. 4.100m an, die wir in gemütlichem Tempo auch problemlos bewältigten. Nach der Rückkehr ins Basislager verschlangen wir hungrig unser Mittagessen, bevor wir per Fuß, Seilbahn und Taxi zurück in unser Hotel im Tal kehrten. Wir verbrachten die Nacht auf Samstag erneut im Tal, um unsere Körper mit Schlaf in sauerstoffreicher Luft langsam an die bevorstehenden Strapazen am Berg zu gewöhnen.

Frisch gestärkt ging es am Samstag früh denselben Weg zurück ins Basislager, von wo aus wir vier in Richtung der Pastuchow-Felsen stiegen und dort am unteren Ende der Felsformation (ca. 4450m) umkehrten. Die Tour war schon anstrengender als die Tage zuvor aber aufgrund der weiterhin guten Bedingungen und bei tollen Eindrücken von der umliegenden Berglandschaft gut machbar. Zurück im Basecamp gab es erneut eine Stärkung von der Campköchin Dascha, welche uns dort oben täglich mit abwechslungsreichem Essen verwöhnte. Der Rest des Tages stand ganz im Zeichen von Ausruhen und Schlafen, denn der Körper braucht in dieser Höhe selbst für kleine Strecken wahnsinnig viel Energie.

Unsere letzte Etappe zur Akklimatisierung für den bevorstehenden Gipfelaufstieg auf den Elbrus war für Sonntag angesetzt. Bei wiederrum perfekten Verhältnissen war das Ziel das obere Ende der Pastuchow-Rocks auf ca. 4.650m. Während unseres Aufstiegs kamen uns ständig meist glücksstrahlende Bergsteiger vom Gipfel entgegen, die bereits auf dem Weg nach unten waren. Auch wir waren im Laufe des frühen Nachmittags zurück im Lager und berieten über die weitere Planung. Nach den überragenden Bedingungen der letzten Tage sahen die Wetterexperten eine Verschlechterung für die kommende Zeit bevor. Ursprünglicher Plan war es, am Montag einen Ruhetag einzulegen, um am Dienstag den Gipfelsturm zu starten. In Absprache mit unserem Bergführer Roman entschieden wir uns dazu den Ruhetag zu streichen, da der Montag im Vergleich mit dem Rest der Woche noch die besten Wetterprognosen aufwies.

Eine sehr kurze Nacht später - um kurz nach Mitternacht war Aufstehen angesagt - standen wir vier im Kochcontainer und stärkten uns für den bevorstehenden Gipfelaufstieg. Vor Anspannung brachte ich kaum einen Bissen runter und musste mich fast zum Essen zwingen. Nachdem Roman mit uns die Ausrüstung gecheckt hatte ging es los: per Schneemobil gelangten wir bei nicht allzu guten Bedingungen zum oberen Ende der Pastuchow-Rocks (der Endpunkt der gestrigen Etappe) und starteten unseren Aufstieg zum Elbrus von dort. In Dunkelheit, bei starkem Wind und leichtem Schneefall kamen wir zunächst gut vorwärts, ehe einer aus unserer Gruppe große Probleme mit seinen Verdauungsorganen bekam, in dessen Folge unsere Expedition ins Stocken geriet. Unser Ziel schon dahinschwinden sehen, schafften wir es allerdings irgendwie, unseren Kollegen wieder aufzurichten und mit ausreichend Energie zu versorgen. Nach einigen Stunden teilweise wirklich anstrengenden Aufstiegs erreichten wir gegen 9:15 Uhr freudenstrahlend den Gipfel des Elbrus. Nachdem wir fast den ganzen Aufstieg in stürmischem Wind und Nebel absolviert haben, bot sich uns dort oben ein herrliches Bild. Wir befanden uns bei strahlendem Sonnenschein über den Wolken auf dem Dach Europas - was für ein Gefühl!

Nach kurzer Rast machten wir uns an den Abstieg, der - im Nachhinein betrachtet - einem wie in Trance vorkam. Wir kamen nach dem ersten steilen Stück recht schnell vorwärts, sodass ich mich bereits gegen 13 Uhr todmüde in meinen Schlafsack kuscheln konnte. Die Nacht auf Dienstag verbrachten wir erneut im Camp und entschlossen uns aber auch aufgrund der nun miesen Wetterverhältnisse zum Abstieg am Dienstagnachmittag.

Die Tage bis zur Abreise am Freitag verbrachte ich hauptsächlich mit Schlafen, Lesen und Essen. Sehr unterhaltsam war die Party am Mittwochabend, bei der uns Zertifikate für den Gipfelerfolg verliehen wurden und wir auch in den reichlichen Genuss von russischem Wodka kamen.

Zur Abreise am Freitag war geplant, gegen 6:30 Uhr in der Frühe per Taxi in Richtung „Min Vody“ aufzubrechen, um gegen Mittag von dort über Moskau zurück nach Frankfurt zu fliegen. Als alle abfahrbereit in der Hotellobby warteten, stürmte die russische Bergführerin Anna ins Hotel und überbrachte uns in brüchigem Englisch die Nachricht, dass ein Unwetter über Nacht die einzige talauswärts führende Straße zerstört habe. Wir konnten nicht glauben, was wir da hörten und wollten uns selbst ein Bild von der Situation machen - vielleicht übertrieben unsere russischen Freunde ja auch nur. Eine fünfzehnminütige Autofahrt später wurde jedoch auch uns klar: hier übertreibt niemand. Die Straße war durch eine sich durch das Tal schlängelnde Schlammlawine nicht nur zerstört, sie war völlig weggespült. Traurig stimmte die Nachricht, dass es wohl neben enormen Sachschäden auch Tote gab. Die Stimmung im Bus war angespannt, jeder hatte sich nach den anstrengenden Tagen auf seine Heimat gefreut und nun das. Stimmen wurden laut, man möge doch ein Boot oder auch einen Transportesel für uns besorgen, was von Anna freundlich aber bestimmt abgelehnt wurde. Uns blieb tatsächlich nichts anderes übrig, als zurück ins Hotel zu fahren und abzuwarten. Die Zeit verstrich und unsere Flüge hoben wohl oder übel ohne uns ab. Nachdem selbst Versuche einen privaten Hubschrauber zu organisieren fehlschlugen, machte sich allmählich Resignation breit und jeder stellte sich wohl innerlich darauf ein, noch einige Tage in der russischen Provinz zu verbringen.

Umso überraschender war es, als gegen 14 Uhr ein Angehöriger des Hotels aufgeregt in die Lobby rannte und uns mit Händen und Füßen versuchte klar zu machen, doch bitte in seinen Kleinbus zu steigen. Wie wir kurz darauf von Anna erfuhren war das russische Militär mit drei Hubschraubern auf dem Weg, uns doch noch aus unserer misslichen Lage zu befreien. Was auf den ersten Blick unglaublich klingt, fand letzten Endes tatsächlich so statt. Wir sammelten uns an einem kleinen Hubschrauberlandeplatz, von wo aus das Militär alle im hinteren Teil des Tales eingeschlossenen Ausländer, inklusive uns, aus dem Katastrophengebiet ausflog.

Nach einer schier endlosen Odyssee gelangten wir am späten Freitagabend nach Mineralnye Vody, wo Moja Travel für den kommenden Tag bereits neue Verbindungen nach Deutschland reserviert hatte und ich nach einer weiteren Nacht in Russland am kommenden Tag wohlbehalten und gesund, allerdings um einige Erfahrungen reicher in Frankfurt landete.

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