Indonesien 24.01.2017

Flores & Komodo: Insel der letzten Drachen

Per Boot auf dem Weg nach Komodo
Bootsfahrt nach Komodo © Gert Giesler

Urlandschaften, gute Geister, mystische Tempel, wilde Strände, bizarre Tiere, paradiesische Inseln. Eine Prise Entdeckergeist ist nötig, doch dann liegt uns Indonesien wie zu Füßen ...

Seit Stunden tuckern wir mit unserem Exkursionsboot über türkisfarbene Korallenbänke durch die indonesische Inselwelt westlich von Flores. Vorbei an einsamen Eilanden mit faltigen Bergrücken, die aussehen wie aus einem anderen Erdzeitalter. Wenn jetzt ein Dinosaurier um die Ecke böge, es würde uns nicht wundern. An Bord: ein indonesischer Käptn, ein Koch, ein Smutje und Harim, unser junger, durchtrainierter Führer, der aussieht, als hätte er in Spielbergs „Jurassic Park“ zumindest eine Nebenrolle verdient. Ach ja, und wir – drei Wochen auf großer Fahrt durch Bali, Flores, Gili Trawangan, Lombok und jetzt mit Kurs auf die sagenumwobene Insel Komodo. Klingt weltentrückt. Ist es auch. Klassischer Familienurlaub sieht anders aus. Aber mit größeren Kindern, die auch Englisch verstehen, wird Indonesien zu einem ganz besonderen Erlebnis. Und es sind immer wieder die herzlichen, offenen Menschen, die mit ihrer Gastfreundschaft faszinieren. Vormitags sind wir noch mit Mantas um die Wette geschnorchelt, haben an einem rosafarbenen Strand Muscheln gesucht, und jetzt steht ein Besuch der furchteinflößenden Komodowarane auf dem Programm, der größten lebenden Echsen.

Drachen riechen mit der Zunge

Harim zeigt uns auf der Karte die seltsame Insel, die mit ihren Zacken selbst aussieht wie ein Drache. Noch heute leben über 1.700 Warane im Nationalpark Komodo und 2.000 weitere auf der Nachbarinsel Rinca. Sie werden bis zu 40 Jahre alt, bis zu drei Meter lang und 80 Kilo schwer, können springen und schneller laufen als der Mensch. Ihre Beute, zumeist Aas und Ziegen, wittern sie mit der langen Zunge bis zu zehn Kilometer weit. Ihr Biss ist giftig und kann sogar einem Wasserbüffel oder dem Menschen zum Verhängnis werden. „Drachen sind Kaltblüter und in der Tageshitze sehr träge. Wenn wir gegen 17 Uhr an Land gehen, werden sie putzmunter sein“, erzählt Harim und lacht, als er unsere ungläubigen Augen sieht. Zunächst einmal sind wir enttäuscht: ein riesiger Landungssteg, Besucherzentrum, Imbissstände, verlassene Picknickplätze. Eine Touristenattraktion hatten wir nicht erwartet. Doch Harim hatte recht, das letzte Boot ist bereits abgefahren und so sind wir die einzige Truppe, die sich mit mulmigem Gefühl, angeführt von einem stockbewehrten Parkaufseher, auf den Weg macht ins Inselinnere.

Auf den ersten Waran muss der Aufseher uns fast mit der Nase stoßen, so perfekt ist die Riesenechse an den Untergrund angepasst. Das Züngeln, die ruckartigen Kopfbewegungen, die mächtigen Pranken, die den schwerfälligen Körper scheinbar mühelos durchs Dickicht schieben, jagen uns eine Gänsehaut über den Rücken. Solche Bewegungsabläufe kennen wir von animierten Dinosauriern auf der Leinwand. „Aber der ist echt“, murmelt Tochter Teresa fasziniert, als uns nur mehr zehn Schritte von dem Monster trennen. Als wir Komodo bei Sonnenuntergang verlassen, haben wir acht Warane aufgespürt und wurden auch Zeuge einer Kampfszene unter zwei Männchen. Auf Rinca entdecken wir am nächsten Morgen sogar die Nisthügel der Warane. Bis zu 30 schildkrötenartige Eier legen die Weibchen in die Erde. Die Bodentemperatur entscheidet das Geschlecht. Nach acht Monaten erst schlüpfen die Jungen, und wenn sie nicht schnell genug in die Bäume fliehen, werden sie von den eigenen Eltern gefressen.

Zwischenfall im Kabinett der Dolche

Unsere Reise beginnt auf Bali, der hinduistischen Insel der Götter und Dämonen. Unser Hotel Mandapa, mitten in den Reisterrassen von Ubud, gleicht einem Traum, aus dessen romantischer Inszenierung uns Fremdenführer Widja, ein Vollblut-Balinese, und Fahrer Max sanft befreien und in die uralte Tempelkultur Balis entführen. Die sprudelnde Quelle von Tirta Empul oder der Meerestempel Tannah Lot sind auch heute noch für viele Balinesen, egal ob jung oder alt, Zufluchtsorte, um Körper und Geist reinzuwaschen. Schon auf den ersten Kilometern werden wir Zeuge einer Verbrennungszeremonie. Die öffentliche Kremation ist das wichtigste religiöse Fest, für das sich balinesische Familien bisweilen tief verschulden, erzählt uns Widja. Zwischen Tod und Verbrennung können oft Monate vergehen. Den richtigen Zeitpunkt bestimmt ein Astrologe.
Später sind wir auf der Suche nach einem originellen Mitbringsel. Wayang kulit, das ist indonesisches Kasperltheater mit religiösem Hintergrund und grazilen Schattenfiguren mit beweglichen Gliedern. Widja und Max zeigen uns den „Keris Art Shop“, der neben antiken Lederfiguren auch fein ziselierte Dolche verkauft. Fahrer Max entpuppt sich als Medium. Er wird kreidebleich, als er einen der Dolche nimmt, seine Hand wird wie von unsichtbarer Kraft geschüttelt. „In manchen dieser Dolche wohnt noch immer die Seele des früheren Besitzers“, erklärt uns Widja.

Tauchen bei der Schneckenkönigin

Die schwarze Kiesbucht von Tulamben im Nordosten Balis birgt ein Geheimnis: das Wrack des Frachters USAT Liberty. Für diesen weltweit einmaligen Wrack-Tauchgang quartieren wir uns in der wunderschönen Gartenpension „Villa Markisa“ der deutschen Aussteigerin Christiane Waldrich ein. Christiane betreibt auch eine Tauchbasis, aber vor allem zeigt sie uns die kleinen Stars von Tulamben. Hexabranchus Sanguineus zum Beispiel: die spanische Tänzerin, eine winzige Nacktschnecke. 900 diverse Schneckenarten hat sie hier gesichtet. Eine trägt heute sogar ihren Namen.
Die gebirgige Insel Flores, fast viermal so groß wie Mallorca, führt uns über 600 Kilometer von tropischen Niederungen bis zu den Nebelwäldern in den Höhen, zum Sonnenaufgang über den Kraterseen von Kelimutu und tief hinein in die Steinzeit. Kein Problem für unseren Fahrer Matus. Er ist die Ruhe selbst, sodass die Kinder auch mal auf der Rückbank schlafen können. Ins Dorf Belaraghi bringt uns die Dorfbewohnerin Eni nach einstündigem Aufstieg. Uns zu Ehren veranstalten die Bewohner ein Bambusflötenkonzert, opfern einen Hahn und bereiten einen Festschmaus. Das Sagen haben die Frauen, verrät uns Eni. Von ihren zwei Kindern darf eines studieren, das andere muss im Dorf bleiben. Sonst sterben die alten Riten aus.

Text: Gerd Giesler
Erschienen im Rossmann Magazin CENTAUR 10/2016
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